Wichtige Entwicklungen

Die Bundesregierung beabsichtigt, das System der Primärversorgung, bei dem der Hausarzt die erste Anlaufstelle für Patienten ist, bundesweit einzuführen. Ein Modell dafür bietet Baden-Württemberg, wo die sogenannte hausarztzentrierte Versorgung (HZV) bereits seit 2008 erfolgreich praktiziert wird. Mittlerweile nehmen über ein Drittel der gesetzlich Versicherten im Land, das sind 3,4 Millionen Menschen, an diesem System teil. Die Tendenz ist laut Hausärztinnen- und Hausärzteverband zuletzt stark steigend.

Das Konzept der HZV sieht vor, dass sich teilnehmende Patienten grundsätzlich verpflichten, zunächst ihren Hausarzt aufzusuchen. Dieser übernimmt die Erstversorgung und überweist bei Bedarf an einen Facharzt. Ein Beispiel hierfür ist Martin Holl, ein 68-jähriger Rentner mit Herzproblemen, der aufgrund seiner Teilnahme an der HZV zuerst seinen Hausarzt konsultieren musste. Im Gegenzug für diese eingeschränkte Wahlfreiheit verspricht Martin Holls Hausarzt Joachim Kolb aus Benningen bei Stuttgart schnellere Termine. Kolb garantiert seinen Patienten, dass sie bei Dringlichkeit zeitnah eine Behandlung erhalten. Dies sei durch den kurzen Dienstweg zu Fachärzten in der Umgebung und den Kontakt auf Augenhöhe möglich, da ein Mediziner einem Fachkollegen die Dringlichkeit eines Falles oft besser vermitteln könne. In dringenden Fällen käme es so oftmals innerhalb von zwei Tagen zu einem Facharzttermin, auch wenn es Unterschiede zwischen den Fachrichtungen gebe.

Allerdings gibt es bislang keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass HZV-Patienten tatsächlich schneller einen Facharzttermin bekommen. Gesundheitsökonomin Silke Arnegger von der Hochschule RheinMain weist darauf hin, dass Wartezeiten von vielen unterschiedlichen Faktoren bestimmt werden, darunter die Verfügbarkeit von Fachärzten, die Organisation in den Praxen und die Koordination.

Zentrale Punkte

  • Das HZV-System ist in Baden-Württemberg seit 2008 etabliert und wird von über einem Drittel der gesetzlich Versicherten (3,4 Millionen Menschen) genutzt.
  • Teilnehmende Patienten verpflichten sich, zuerst ihren Hausarzt aufzusuchen, der bei Bedarf an Fachärzte überweist.
  • Hausärzte versprechen schnellere Facharzttermine durch direkte Kommunikation mit Spezialisten, ein wissenschaftlicher Nachweis für diese Behauptung steht jedoch noch aus.

Warum das wichtig ist

Die geplante bundesweite Einführung der hausarztzentrierten Versorgung durch die Bundesregierung könnte die Patientenversorgung in Deutschland maßgeblich beeinflussen. Die Erfahrungen aus Baden-Württemberg bieten dabei ein wichtiges Modell, wie ein solches System in der Praxis funktionieren kann. Es zielt darauf ab, die Primärversorgung zu stärken, die Koordination zwischen Haus- und Fachärzten zu verbessern und potenziell den Zugang zu spezialisierter Versorgung zu optimieren, auch wenn die Auswirkungen auf Wartezeiten noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind.