Wichtige Entwicklungen
Manfred Güllner, Gründer des Meinungsforschungsinstituts Forsa und einer der einflussreichsten Demoskopen Deutschlands, hat in einem Interview mit der ZEIT die jüngsten Entwicklungen der AfD detailliert beleuchtet. Angesichts des Wahlergebnisses von fast 44 Prozent in Sachsen-Anhalt attestiert Güllner der AfD, dort zahlenmäßig den Charakter einer Volkspartei angenommen zu haben. Er schränkt jedoch ein, dass ihr die entscheidende Bindekraft über heterogene Wählergruppen hinweg fehle, die einst CDU und SPD auszeichnete. Die Anhängerschaft der AfD sei stattdessen relativ homogen.
Güllner beschreibt, dass die AfD das seit dem Nationalsozialismus in Deutschland existierende Potenzial an rechtsradikalen und für eine völkische Ideologie anfälligen Wählern voll ausschöpft. Darüber hinaus habe die Partei in den Jahren der Ampel-Koalition und während der Amtszeit von Bundeskanzler Friedrich Merz weitere Wähler hinzugewonnen. Diese neuen Wähler stammen laut Güllner nicht primär aus dem ursprünglichen rechtsextremen Milieu, sondern sind mit der Regierungspolitik unzufrieden. Als Beispiel nennt er Mittelständler, die ihren Status durch globalen Kapitalismus und das Proletariat bedroht sehen.
Ein besorgniserregender Trend sei die zunehmende Radikalisierung dieser neuen Wählergruppen. Sie übernehmen weitgehend die Ideologie der AfD und sind dadurch immer schwerer von den Stammwählern zu unterscheiden. Die Ideologie der AfD ist laut Güllner vor allem auf die Schaffung von Feindbildern angewiesen, um gesellschaftliche Gruppen für ein subjektives Gefühl der Benachteiligung verantwortlich zu machen. Aktuell seien dies vor allem Migranten. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Benachteiligung objektiv gegeben sei, da es den AfD-Wählern wirtschaftlich nicht schlechter gehe als dem Durchschnitt. Es sei das subjektive Gefühl der Benachteiligung, das sie antreibe. Güllner weist zudem darauf hin, dass selbst 44 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt lediglich knapp 34 Prozent der Wahlberechtigten repräsentieren.
Zentrale Punkte
- Die AfD erreicht in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent der Stimmen zahlenmäßig den Status einer Volkspartei, ihr fehlt jedoch die traditionelle Bindekraft über heterogene Wählergruppen.
- Die Partei schöpft nicht nur das Potenzial rechtsradikaler Wähler aus, sondern gewann unter der Ampel-Regierung und Kanzler Merz auch unzufriedene Wähler aus anderen Milieus hinzu, die sich zunehmend radikalisieren.
- Die AfD-Ideologie basiert auf der Konstruktion von Feindbildern, wie Migranten, um subjektive Gefühle der Benachteiligung zu adressieren, unabhängig von objektiven wirtschaftlichen Verhältnissen.
Warum das wichtig ist
Die Analyse von Manfred Güllner bietet tiefe Einblicke in die Dynamik des Aufstiegs der AfD und die Veränderungen in der deutschen Wählerlandschaft. Als erfahrener Demoskop liefert Güllner eine fundierte Perspektive auf die Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft und die ideologischen Mechanismen der Partei. Seine Einschätzung, dass die AfD zwar numerisch, aber nicht strukturell eine Volkspartei ist, verdeutlicht die Herausforderungen für die etablierten Parteien, die Bindekraft über verschiedene gesellschaftliche Schichten hinweg verloren haben.
Die Beobachtung, dass sich auch Wähler aus dem Mittelstand, die ursprünglich nicht dem rechtsextremen Milieu angehörten, zunehmend radikalisieren und die AfD-Ideologie übernehmen, unterstreicht die Notwendigkeit, die Ursachen für diese Unzufriedenheit und die Anfälligkeit für polarisierende Narrative genau zu untersuchen. Güllners Hinweis auf die Rolle von Feindbildern und subjektiven Benachteiligungsgefühlen, die objektiv nicht immer gegeben sind, ist entscheidend für das Verständnis der aktuellen politischen Debatten und der Polarisierung in der Gesellschaft.

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